Photo: George Mulala / Reuters Pictures: Ein Äthiopier spricht mit Reportern am Grab seines Sohnes nach einer Hungersnot im April 2000
Das komplette Audio der Veranstaltung finden Sie hier zum Hören.
Ein Transkript der Diskussion zum nachlesen hier.
Hier können Sie das Transkript des Beitrages von John Pope, Redakteur der New Orleans Times-Picayune, nachlesen.
Bonn - In diesem Jahr erreichten die Wassertemperaturen in den Tiefen des Atlantischen Ozeans, in denen Hurrikane entstehen, den Höchststand. Ob dies eine Folge des ungewöhnlichen heißen Jahres ist oder Beleg für einen zunehmenden globalen Temperaturanstieg - das wird erst in einigen Jahren zur Gewissheit werden. Bis dahin sind auch die Folgen des Klimawandels für die Menschheit messbarer, sei es in der Anzahl der Menschen, die in der Karibik oder im Golf von Mexiko ihr Obdach durch Sturmfluten verlieren oder durch weit verbreitete Hungersnöte in Afrika.
Erfahrene Fachjournalisten aus Äthiopien, Haiti und den USA liessen Zahlen und politische Berichte beiseite, um auf einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Witnessing the human cost of climate change“ im Rahmen des diesjährigen Global Media Forum in Bonn zu berichten, was es bedeutet, selbst Zeuge der humanitären Folgen des Klimawandels zu sein
Gemeinsam mit dem Publikum diskutierten sie, wie Journalisten effektiv und mit Einblick berichten können, wenn ihre Familien und ihre Heimat selbst von einer Umweltkatastrophe betroffen sind.
„Über den Hurrikan Katrina zu berichten war wie als ob man über einen Krieg zu berichtet“
„Wir veröffentlichen weiter – möge die Hölle oder das Hochwasser kommen“ stand auf einem T-Shirt, das die Belegschaft der Zeitung „The New Orleans Times-Picayune“ trug, während der Hurrikan Katrina 2005 durch die Stadt tobte. Der Sturm zwang die Mitarbeiter, in der Nähe von Baton Rouge um zuziehen, nachdem das Redaktionsgebäude von Hochwasser umzingelt worden war.
Times-Picayune Reporter John Pope schilderte dem Publikum, wie ihn die Berichterstattung über die Ereignisse in der vom Sturm gebeutelten Stadt an einen Kriegsähnlichen Zustand erinnerte. Viele Medien in den USA berichteten über die sich ankündigende Katastrophe als wäre es ein Ereignis im Ausland gewesen. Doch Pope und seine Kollegen konnten nicht, im Gegensatz zu ihren Kollegen, die nur für diesen Einsatz vor Ort waren, zu ihren Redaktionen zurückkehren oder pausieren. New Orleans war ihr Zuhause und ihr Leben war buchstäblich unter Wasser.
Es war ihre Entschlossenheit, zusammen zu halten und weiter zu berichten, unabhängig von den persönlichen Verlusten, die jeden einzelnen Mitarbeiter motivierte: „Wir waren füreinander da und das war das Wichtigste. Zurück in eine Routine zu kommen, war psychologisch wichtig und fokussierte uns auf unsere Jobs, anstatt auf das Chaos, das um umgab,“ so Pope.
Roosevelt Jean Francois, Direktor von CECOSIDA , einer kommunalen Initiative für Journalisten in Haiti, eine Region, die seit jeher von Erdrutschen und Überschwemmungen gefährdet ist, beschrieb, wie er und seine Kollegen nach dem Erdbeben im Januar 2010 auf „auto-pilot“ geschaltet waren und kontinuierlich weiterberichteten. Erst später fanden sie die Zeit für eine Verarbeitung.
„Man kann nicht alleine mit einer schrecklichen Situation klarkommen“, berichtete Jean Francois dem Publikum des Deutsche Welle Forums. Noch Wochen nach dem Erdbeben beobachtete er Kollegen, die plötzlich aus ihren Büros rannten, weil sie dachten, es gäbe ein Nachbeben.
Dabei half es ihnen enorm, zusammensitzen und einander zuzuhören, was sie persönlich durchmachten. „Einige berichteten, dass sie sich nach vier Wochen wieder das erste Mal normal fühlten. Das bedeutet, dass man weiß, was einem geschah und dass der andere genauso fühlt,“ so Jean Francois.
Den Menschen sehen
Doch Jean Francois warnte auch davor, dass Journalisten im Interview ihre eigenen Erfahrungen auf die von Überlebenden projizieren. „Unser Job ist als Reporter, sich auf den Menschen zu konzentrieren und sich in seine Lage zu versetzen. Wenn jemand in einer schwierigen Situation ist, muss man zuerst den Kontext kennen und herausfinden, wo diese Person steht.“
Alle drei Diskussionsteilnehmer betonten, dass die Fähigkeit, klar über Großschadensereignisse zu berichten und währenddessen selbst Verlust, Angst oder Trauer zu empfinden, nicht einfach sei.
Argaw Ashine, Direktor der "Ethopian Environment Journalists Association", bemerkte, dass alle drei oder vier Jahre mehrere Regionen in seinem Land von Hungersnöten betroffen werden.
Ashine berichtete dem Publikum in Bonn, dass die Traurigkeit, die man während solcher Reportagen vor Ort fühle, nicht mit Erfahrung und Zeit vergehe. Der Äthiopier schilderte eindrücklich, wie er eines Tages ein Haus betrat, in der sich eine Mutter hilflos um ihr sterbendes Kind kümmerte. Damals war es nicht sein erster Gedanke, das Mikrofon bereit zu halten.
„Es ist das Wichtigste für mich, zuerst etwas Nahrung und Wasser für meine Landsleute dabei zu haben – zu helfen und nicht erst zu berichten“, so Ashine. Aber effektiv helfen zu können, liegt oftmals nicht in den Möglichkeiten eines Journalisten, so sei das Beste, was man tun könne, die Hintergründe offenzulegen und zu berichten, warum eine Dürre tödlich war.
Ashine, der bereits in vielen Ländern Ostafrikas arbeitete, verglich das Interview mit jemanden, der hungere, sei, als ob man mit jemanden spreche, „der eine Kugel im Kopf habe“.
Die drei Podiumteilnehmer legten nahe, dass das Verständnis über den persönlichen Tribut, der diese Erfahrungen mit sich bringe, ein wichtiger Aspekt sei, um die nötige Ausdauer und Erkenntnis zu entwickeln, besonders für diejenigen, die kritisch über politische und wirtschaftliche Aspekte von Umweltfolgen berichten wollen.
Nähe und Distanz
Sind Journalisten, die in ihrer Heimat ein Unglück erleben, nicht oftmals zu nah an traumatischen Ereignissen dran, um darüber klar berichten zu können? Sind Journalisten, die von außerhalb kommen, unvoreingenommener und daher in der Lage akkurater Reportagen zu liefern? Auch dies waren Fragen, die auf dem Podium diskutiert wurden.
John Pope ist sich sicher, dass die Beteiligung von Journalisten, die im Fall von Hurrikan Katrina Zeuge der Tragödie wurden und selbst zur betroffenen Bevölkerung gehörten, die Berichterstattung in der Times-Picayune aufwertete: „Weil wir über eine Katastrophe berichteten, die auch unsere Gemeinden zerstörte, haben wir härtere Fragen gestellt. Wir waren hartnäckiger, weil auch wir die Antworten brauchten.“
Die anderen Podiumsteilnehmer sahen dies ähnlich. In dieser Situation als Lokalreporter zu arbeiten, sei eher ein Vorteil als ein Hindernis, vor allem, wenn es darum gehe, bestimmte Aspekte in Betracht zu ziehen.
Pope berichtete dem Publikum eindringlich seine persönlichen Eindrücke, als er seine Heimatstadt New Orleans in den Fluten verschwinden sah. Dennoch fand er, dass seine Betroffenheit seine Arbeit positiv beeinflusste: „Ich denke, dass uns dies zu besseren Reportern gemacht hat. Es war unser Zuhause und wir wollten sicher gehen, dass wir alles unternahmen, um korrekter zu sein.“
Pope mied das Wort „Objektivität“, stattdessen bevorzugte er es zu umschreiben: „Ich glaube, dass wir uns unermüdlich bemühten, fair zu sein.“ Dadurch, dass die Reporter der Times-Picayune mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert waren, wie der Rest der Bevölkerung, wie beispielsweise mit Versicherungsproblemen oder der Wiederbeschaffung wichtiger persönlicher Dokumente, führte sie das zu grundlegenden und relevanten Artikeln. Themen, die üblicherweise erst viel später nach einem solchen Ereignis aufgegriffen werden.
Gavin Rees, Direktor des Dart Center Europe, der das Podium moderierte, fügte hinzu, dass auch Journalisten, die in weit entfernten Redaktionen arbeiten und über ein Ereignis berichten, auf Trauma reagieren können und sich dies auf ihre Einschätzung der Lage auswirke.
Während der Ereignisse in Haiti und New Orleans brachten Weltnachrichtensender beispielsweise unbestätigte Gerüchte im Umlauf, gab Pope zu Bedenken. Menschen seien verrückt geworden und angeblich habe es Missbrauch von Babies gegeben, ebenso sollen Horden von Plünderern Haiti nach dem Erdbeben unsicher gemacht haben.
Für Pope ist es daher einer der größten Erfolge der Journalisten vor Ort gewesen, herauszufinden, was an diesen Gerüchten dran war. Die preisgekrönten Enthüllungen der Times-Picayune deckten auf, dass viele Schadensklagen überhöht waren, Stadt- und Staatsfunktionäre traten zurück.
„Wir als Journalisten haben die Verpflichtung zusammenzuhalten und zu erklären, was wir sehen. Das tun wir bis heute“, so Pope.
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Das Dart Centre für Journalismus und Trauma, koordiniert von der Journalistin Petra Tabeling, ist ein Netzwerk, das sich als Forum und als Ressource versteht, um die sensible und sachkundige Berichterstattung über Tragödien und Gewalt zu fördern. Es unterstützt die Aus- und Weiterbildung von Journalisten und bietet hilfreiche Anleitungen über Journalismus und Trauma.
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