"media running amok?"

Die Freie Universität Berlin und das Dart Center für Journalismus und Trauma/Petra Tabeling haben am Dienstag, den 16.Juni 2015, in Berlin einen Lehrfilm für die verantwortungsvolle Darstellung von Gewalttaten in den Medien vorgestellt. Am Beispiel der Berichterstattung über den Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden am 11. März 2009, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, erläutern Betroffene und Experten, wie sich das Verhalten der Medien und deren Berichterstattung auf die Menschen auswirkt. Das Thema ist aktueller denn je.

Der 23-minütige Film „media running amok?“, der im Rahmen des vom Bundesbildungsministerium geförderten Forschungsverbundes TARGET (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver, zielgerichteter Gewalt) entstand, kann kostenlos bezogen werden.

 

Er ist für den Einsatz in der Aus- und Weiterbildung Medienschaffender gedacht.

TRAILER: MEDIA RUNNING AMOK? 

Der Filmemacher Thomas Görger sagte bei der Vorstellung des Filmes am vergangenen Dienstag in Berlin (16.06.2015), es sei nicht leicht gewesen, die Haltung des Films zu entwickeln: „Eine plakative Medienschelte wäre sicher einfach gewesen, aber ich glaube, damit könnte ich keinen Medienvertreter erreichen oder dazu bringen, sich mit den Folgen seiner Arbeit kritisch auseinanderzusetzen. Wichtiger als die Feststellung, wie schlimm wir alle doch sind, erschien es mir darzulegen, was die Wirkungen und Auswirkungen von Berichterstattung sind.“ Das Target-Projekt habe hierfür die besten Voraussetzungen geliefert, da unterschiedliche Fachrichtungen und Gesprächspartner zur Verfügung gestanden hätten, betonte Görger. „Am Ende freue ich mich, wenn Kollegen nach dem Film sagen, dies oder jenes wusste ich noch nicht, und dann vielleicht eine andere Entscheidung treffen als vor der Betrachtung des Films. Es ist ein sehr mühsamer Weg, Routinen abzulegen, es bedarf auch der Argumente und – etwa bei der Berichterstattung über Täter – eines Wechsels der Herangehensweise. Hier einen Beitrag durch sachliche Information zu leisten – es wäre schön, wenn das gelingt.“

Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden – Stiftung gegen Gewalt an Schulen bezeichnete den Lehrfilm als einen Meilenstein. „Er ist ein erster Schritt in eine wichtige und richtige Richtung. Wichtig ist der Film, weil sich Situationen, in denen Journalisten aus Katastrophenszenarien berichten müssen, wiederholen werden und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Journalist in seinem Berufsleben in eine derartige Situation gerät, eher zunimmt. Aus diesem Grund sollte der Film Teil der journalistischen Aus- und Fortbildung werden. Richtig ist der Film, insofern er wesentliche Gefahren im Umgang mit traumatisierten Gesprächspartnern thematisiert und nicht nur über diese Menschen redet und sie damit entmündigt, sondern sie selbst zu Wort kommen lässt und ihre Erfahrung als Ressource für die Entwicklung eines angemessenen Verhaltenskodex nutzt. Richtig ist dieser Film auch, weil er die Wirkung von Medienberichterstattung auf potenzielle künftige Täter thematisiert und so einen wichtigen Beitrag zur Prävention ähnlicher Gewalttaten leistet.“

Oliver Schlappat, Referent des Deutschen Presserats sagte, beim Presserat seien nach dem Vorfall Dutzende Beschwerden eingegangen, in denen es vor allem um die zum Teil unangemessen sensationelle Darstellung von Täter und Opfern gegangen sei. „Ich glaube, dass die schnelllebige Berichterstattung vor allem im Internet dazu führt, dass sehr schnell über bestimmte Ereignisse mit immer wieder neuen News berichtet wird, die die Konkurrenzsituation in den Medien verlangt. Das kann zu einem negativen Selbstläufer werden.“ Dennoch hätten Journalisten die Pflicht, den Pressekodex einzuhalten, Informationen zu prüfen, bevor sie sie veröffentlichen und keine unangemessenen Berichte zu publizieren, unterstrich Schlappat. Ein Journalist müsse abwägen zwischen dem öffentlichen Interesse einerseits und dem Persönlichkeitsschutz von Opfern und Angehörigen andererseits.

Prof. Dr. Frank Urbaniok vom Psychologisch-Psychiatrischer Dienst Zürich erklärte, Beschleunigung und das Anheizen von Emotionen bestimmten heute öffentliche Diskussionen in einem nie gekannten Ausmaß: „Internet und Boulevard-Medien versorgen die wachsende Gemeinde der Empörungs-, Wut- und Betroffenheits-Junkies mit frischen Bildern und O-Tönen. Sie geben den Takt einer Entwicklung vor, in der seriöse Recherche und sachliche Differenzierung als Emotionsbremsen auf der Strecke bleiben.“ Gerade bei schweren Straftaten bestehe die Gefahr, Tätern eine Plattform zu verschaffen und Opfer durch skrupellose Berichterstattung ein zweites Mal zu traumatisieren, betonte Urbaniok. „Niemand braucht Bilder oder Interviews von Opfern kurz nach einer Katastrophe, niemand braucht Bilder von Schwerstkriminellen und Massenmördern in heldenhaften Posen oder deren selbstverliebte Rechtfertigungen, die bei verwirrten Geistern als Kultobjekte Verwendung finden können.“

Prof. Dr. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin, Leiter des dortigen Arbeitsbereiches Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie und Projektleiter des Verbundprojekts TARGET sagte: „Im Rahmen erster Analysen wurde sehr schnell deutlich, dass sich bei diesen Gewalttaten sowohl vielfältige, bewusste Inszenierungsaspekte als auch Nachahmungseffekte beobachten lassen.“ So hätten sich Täter auf frühere Taten bezogen oder ihre Taten medienwirksam inszeniert, etwa durch die Vorbereitung und Versendung von Abschiedsbotschaften. Angesichts dieser Forschungsbefunde sei im Forschungsverbund die Idee zur Entwicklung von Schulungsmaterialien für Journalisten entstanden. „Als gesellschaftlich gefördertes Forschungsprojekt sehen wir es als unsere Aufgabe an, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“ Der Lehrfilm beschränke sich nicht auf die Darstellung der Täter, sondern beziehe auch die Perspektive der Opfer ein, betonte der Wissenschaftler und fügte hinzu: „Opfer von Gewalttaten erleben die mediale Berichterstattung häufig als eine zweite traumatische Erfahrung.“

Petra Tabeling, Journalistin, Projektmanagerin des Dart Center für Journalismus und Trauma, die den Film initiierte und die Redaktion leitete, versteht den Film als Anstoß für eine vertiefende Aus- und Fortbildung von Redaktionsverantwortlichen. Journalisten hätten zwar Übung darin, Politiker, Prominente und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu interviewen. „Medienschaffende lernen  allerdings bisher nicht, wie sie mit Menschen umgehen, die etwas Belastendes erlebt haben“, sagt Petra Tabeling. „Das macht aber den Großteil unserer Berichterstattung aus.“ Journalistenausbildern und Redaktionsteams werde mit dem Film die Möglichkeit geboten, sich schnell und einfach darüber zu informieren, was man aus Sicht von Überlebenden wissen sollte, wenn man über solche Täter berichtet. „Das notwendige Handwerkszeug für einen achtsamen Journalismus muss zur Verfügung stehen, bevor ein Ereignis eintritt.“

Ein längeres Interview mit Petra Tabeling bei der ARD (Deutschlandfunk, Sendung Corso - Corsogespräch-) hier (16.06.2015).

Weitere Berichte:

Deutschlandfunk, markt und medien, Sendung vom 20.06.2015

tagesspiegel vom 18.06.2015

In der 23-minütigen Dokumentation „media running amok?“ erläutern Betroffene, ehemalige Schüler der Albertville-Realschule, Frank Nipkau vom Waiblinger Zeitungsverlag sowie Experten aus dem TARGET-Verbund und dem zugehörigen Beirat, wie sich das Verhalten der Medien und die Berichterstattung auf Betroffene auswirkt und Gewalttaten durch Täterdarstellungen sogar fördern können. Bislang gibt es in der Aus- und Fortbildung von Journalisten wenig Kenntnis darüber. Hochexpressive Gewalttaten können sich jederzeit ereignen. Die Dokumentation zeigt deshalb auch, wie Journalisten über solche Ereignisse qualitativ, professionell und verantwortungsvoll berichten können, ohne dabei Betroffenen und Angehörigen zu schaden und ethische Grenzen zu überschreiten.

Der Film wurde vom Deutschen Presserat und dem Aktionsbündnis Winnenden unterstützt; finanziert wurde die Produktion vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Der interdisziplinäre Forschungsverbund TARGET, in dem Vertreterinnen und Vertreter aus Psychologie, Kriminologie, Psychiatrie/Forensik, Soziologie und Pädagogik kooperieren, wird von Prof. Dr. Herbert Scheithauer koordiniert. Im Rahmen des Grundlagenforschungsprojektes werden Fälle hochexpressiver, zielgerichteter Gewalt (School Shootings, Amok, terroristische Anschläge, jugendliche Mehrfachtötungen) mit dem Ziel analysiert, Vorhersage, Prävention und Intervention voranzubringen. Gewalttaten wie School Shootings, Amokläufe und terroristische Anschläge entfalten eine enorme mediale Wirkung, sodass sich Menschen, die eine solche Gewalttat planen, sicher sein können, dass ihre Tat weltweit Verbreitung finden wird. Dadurch entsteht für einige potenzielle Täter ein Anreiz sowohl hinsichtlich der Verbreitung einer Signal-Botschaft, die mit der möglichen Tat verfolgt wird, als auch mit Blick auf die Popularisierung der eigener Person. Durch die Berichterstattung können zudem unter Umständen Nachahmungstäter motiviert werden: Einerseits werden über die Medien „heldenhafte“ Identifikationsfiguren verbreitet, andererseits erzeugt die mediale Berichterstattung Hoffnungen für Nachahmer, eine ebenso große mediale Aufmerksamkeit zu erreichen wie vorherige Täter.


Weitere Informationen:

•    Target-Forschungsverbund: Freie Universität Berlin, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie, Freie Universität Berlin, 030 / 838-55593, [email protected], www.target-projekt.de
•    Dart Center für Journalismus und Trauma (Deutschland/Europa): Petra Tabeling (0221) 2780814, [email protected] www.dartcenter.org/german


Hier gibt es den Film:

Journalisten, die die Dokumentation „media running amok?“ für eine Berichterstattung als DVD zugesendet bekommen möchten, sollten eine E-Mail schreiben an:

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